Welche Risiken birgt der nicht medizinische Cannabiskonsum?

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12 Dec 2025

Welche Risiken birgt der nicht medizinische Cannabiskonsum?

Die Legalisierung von Cannabis zu medizinischen Zwecken hat bei den Krankenkassen zu einem unerwartet hohen Eingang an Anträgen geführt. Dennoch sind viele Menschen nach wie vor skeptisch. War Cannabis nicht jahrzehntelang guten Grundes illegal? Zu den Bedenken gehören etwaige psychische Folgen von Cannabiskonsum und andere Krankheiten, die durch den Cannabiskonsum ausgelöst werden könnten.

Wie gefährlich ist Cannabis also? Um diese Frage beantworten zu können, sollte klar getrennt werden, ob es sich um den Konsum von unreguliertem Cannabis handelt oder Cannabis im Rahmen einer ärztlichen Therapie verordnet wird. In diesem Artikel erklären wir vorab, welche Gründe für den Cannabiskonsum allgemein vorliegen. Im Anschluss ergründen wir die Nebenwirkungen von THC, die akuten Folgen und langfristigen Wirkungen von Cannabis und stellen in einem Fazit fest, ob medizinisches Cannabis eine sichere Option sein kann.

Die Wichtigste auf einen Blick

  • Zu den akuten Risiken des nicht medizinischen Cannabiskonsums gehören extreme Stimmungslagen, Übelkeit, Aufmerksamkeitsstörungen und Koordinationsprobleme.
  • Längerfristig können durch den unregulierten Konsum von Cannabis Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen entstehen, hin zu kognitiven Beeinträchtigungen und Psychosen.
  • Die gesundheitlichen Risiken des Cannabiskonsums können durch verschiedene Maßnahmen reduziert werden. An allererster Stelle steht dabei die Anwendung von Cannabis im Rahmen einer medizinischen Therapie und unter ärztlicher Aufsicht.
  • Sollte eine Therapie mit medizinischem Cannabis in Betracht kommen, können auf Cannabis spezialisierte Ärzte und Ärztinnen bestimmte Maßnahmen ergreifen, um die unerwünschten Effekte von THC zu minimieren.

Was ist Cannabis?

Cannabis (Hanf) ist eine einjährige Pflanze, die neben Fasern und Samen ein Harz an ihren Blütenständen produziert. Dieses Harz enthält unter anderem das psychoaktiv wirksame THC (Tetrahydrocannabinol) sowie weitere Cannabinoide.

Cannabis wird seit Tausenden Jahren zu medizinischen, spirituellen und sozialen Zwecken genutzt. In Deutschland fällt THC-haltiges Cannabis, medizinisch wie nicht medizinisch, unter das Betäubungsmittelgesetz.

Nicht medizinisches Cannabis ist entweder als frei verkäufliches CBD erhältlich oder wird illegal erworben. Letzteres birgt durch die fehlende Regulierung erhebliche gesundheitliche Risiken.

Die Wirkung von Cannabis im Körper

Cannabis enthält zahlreiche Cannabinoide wie THC und CBD, die den körpereigenen Endocannabinoiden ähneln. Dadurch können Prozesse wie Blutdruck, Körpertemperatur, Entzündungsreaktionen und Immunantworten beeinflusst werden.

Kurzfristige Wirkungen

Bei inhalativem Konsum gelangt THC schnell ins Gehirn, wo es an CB1-Rezeptoren bindet. Mögliche Effekte sind Entspannung, Stimmungsaufhellung und Sedierung – abhängig von der Dosierung.

Die orale Aufnahme ist medizinisch nicht empfohlen, da Dosierung und Wirkungseintritt unzuverlässig sind [1].

Nicht medizinisches Cannabis ist in seiner Wirkung oft unberechenbar. Unerwünschte Effekte können Ängste, Halluzinationen, Wahrnehmungsstörungen und Denkbeeinträchtigungen sein.

Bei medizinischem Cannabis können diese Risiken durch exakte Dosierung, definierte Wirkstoffprofile und ärztliche Begleitung meist kontrolliert werden.

Folgen von Cannabiskonsum in der Jugend

Während der Gehirnentwicklung ist das Endocannabinoid-System besonders aktiv. Externe Cannabinoide können diese Entwicklung stören und Reifungsprozesse beeinträchtigen.

Ein früher, regelmäßiger Konsum – insbesondere von hochpotentem oder synthetischem Cannabis – kann Entwicklungsstörungen begünstigen. Einige kognitive Veränderungen gelten als teilweise reversibel, psychosebedingte Veränderungen hingegen nicht.

Warum konsumieren Menschen Cannabis außerhalb einer Therapie?

Junge Erwachsene

Häufige Motive sind Genuss, Experimentierfreude, soziale Zugehörigkeit und Entspannung. Bestimmte Konsummotive gehen jedoch mit einem erhöhten Risiko für problematischen Konsum einher.

Erwachsene

Hier stehen soziale und spirituelle Gründe im Vordergrund. Viele konsumieren bewusst und maßvoll [3].

Ältere Erwachsene

Obwohl seltener, erfolgt der Konsum häufig zur Selbstmedikation, etwa bei Schmerzen oder Schlafstörungen – oft mangels früherer Legalisierung.

Akute Nebenwirkungen von THC

Mögliche akute Beschwerden sind unter anderem Mundtrockenheit, Schwindel, Herzrasen, Koordinationsprobleme und Übelkeit.

In hohen Dosen kann THC Rauschzustände, Panikattacken oder extreme Euphorie auslösen.

Langzeitfolgen ohne ärztliche Aufsicht

Langzeitfolgen hängen stark von Konsumbeginn, Häufigkeit und Qualität ab. Besonders gefährlich sind synthetische Cannabinoide.

Bei Erwachsenen mit entsprechender Veranlagung kann regelmäßiger Konsum von THC-reichem Cannabis das Psychoserisiko erhöhen [6]. Eine Abhängigkeit betrifft jedoch nur etwa 10 % der Konsumierenden [7].

Ist medizinisches Cannabis sicher?

Auch medizinisches Cannabis kann Nebenwirkungen wie Müdigkeit oder Schwindel verursachen. Dennoch ist das Risiko im Vergleich zu vielen konventionellen Therapien oft geringer und besser steuerbar.

Die Wirkung hängt stark von individuellen Faktoren, Dosierung und THC-CBD-Verhältnis ab.

Wer kann von medizinischem Cannabis profitieren?

Studien zeigen Anwendungsmöglichkeiten u. a. bei chronischen Schmerzen, ADHS, Migräne, Depressionen, Schlafstörungen, Endometriose, MS, Epilepsie und Morbus Crohn.

Im Vergleich zu Opioiden oder klassischen Psychopharmaka berichten viele Patient:innen über mildere und kürzer anhaltende Nebenwirkungen sowie eine verbesserte Lebensqualität [11].

Fazit: Abschließende Gedanken

Medizinisch eingesetztes Cannabis ist bei fachgerechter Anwendung in der Regel sicher und gut verträglich.

Der nicht medizinische Konsum, insbesondere mit hohem THC-Gehalt und frühem Beginn, kann hingegen ernsthafte gesundheitliche Folgen haben. Entscheidend sind Aufklärung, Differenzierung und medizinische Begleitung.

Quellenangaben

[1] Lee, C. M., Neighbors, C., Woods, B.A. (2007). Marijuana motives: young adults' reasons for using marijuana. Addict Behaviour, 32(7):1384-94. 10.1016/j.addbeh.2006.09.010. Epub 2006 Nov 13. PMID: 17097817; PMCID: PMC2723942.


[2] Visions Journal (2009). Cannabis. 5 (4).

[3] Melamede, R. (2005). Harm reduction-the cannabis paradox. Harm Reduct, 17(2). https://doi.org/10.1186/1477-7517-2-17

[4] de Melo Reis, R. A., Isaac, A. R., Freitas, H. R., de Almeida, M. M., Schuck, P. F., Ferreira, G.C., Andrade-da-Costa, B. L. D. S., Trevenzoli, I. H (2021). Quality of Life and a Surveillant Endocannabinoid System. Frontiers in Neuroscience.28(10);15:747229. doi: 10.3389/fnins.2021.747229. PMID: 34776851; PMCID: PMC8581450.

[5] Choi, N. G., DiNitto, D. M., Marti, C. N (2016). Older-adult marijuana users and ex-users: Comparisons of sociodemographic characteristics and mental and substance use disorders. Drug Alcohol Depend. 1 (8);165:94-102. doi: 10.1016/j.drugalcdep.2016.05.023. Epub 2016 May 31. PMID: 27282425.

[6] Lev-Ran, S., Roerecke, M., Le Foll, B., George, T. P., McKenzie, K., Rehm, J (2014). The association between cannabis use and depression: a systematic review and meta-analysis of longitudinal studies. Psychol Med, 44(4):797-810. doi: 10.1017/S0033291713001438. PMID: 23795762.

[7] Rup, J., Freeman, T. P., Perlman, C., Hammond, D. (2021). Cannabis and mental health: Prevalence of use and modes of cannabis administration by mental health status. Addict Behaviour;121:106991. doi: 10.1016/j.addbeh.2021.106991. 19. PMID: 34087766.

[8] Hall, W., Degenhardt, L., Lynskey, M. l. (2001). The Health and Psychological Effects of Cannabis Use. National Drug Strategy. Monograph Series, 44(2). 

[9] York Williams, S. L., Gibson, L. P., Gust, C. J., Giordano, G., Hutchinson, K. E., Bryan, A. D. (2020). Exercise Intervention Outcomes with Cannabis Users and Nonusers Aged 60 and Older. American Journal of Health Behavior, 44(4), 420-431(12), https://doi.org/10.5993/AJHB.44.4.5

[10] Wang, X., Derakhshandeh, R., Liu, J., Narayan, S., Nabavizadeh, P., Le, S., Danforth, O. M., Pinnamaneni, K., Rodriguez, H.J., Luu, E., Sievers, R. E., Schick, S. F., Glantz, S. A., Springer, M. L. (2016). One Minute of Marijuana Secondhand Smoke Exposure Substantially Impairs Vascular Endothelial Function. J Am Heart Assoc., 5(8):e003858. doi: 10.1161/JAHA.116.003858. PMID: 27464788; PMCID: PMC5015303.

[11] Schleider, L. B., Mechoulam, R., Sikorin, I., Naftali, T., Novack, V. (2022). Adherence, Safety, and Effectiveness of Medical Cannabis and Epidemiological Characteristics of the Patient Population: A Prospective StudyFrontiers in Medicine, Sec. Family Medicine and Primary Care (9).

Autor

Dr. Julian Wichmann

Cannabis-Doc bei Bloomwell

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