Cannabis-Barometer – Missbrauchsvorwürfe gegen medizinisches Cannabis sind nicht haltbar

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12 Jan 2026

Cannabis-Barometer – Missbrauchsvorwürfe gegen medizinisches Cannabis sind nicht haltbar

Schwarz-Weiß-Foto einer Frau mit schmerzverzerrtem Gesichtsausdruck, die sich die Schulter hält, vor einem hellgrünen Hintergrund mit weißen, verwobenen Linien.

Die Debatte rund um medizinisches Cannabis in Deutschland wird aktuell von einem Begriff dominiert: „Missbrauch“. Doch ein Blick in die Daten zeigt: Diese pauschale Unterstellung hält einer fundierten Prüfung nicht stand.

Der neue Cannabis-Barometer Jahresrückblick 2025 wertet hunderttausende anonymisierte Verordnungen sowie aktuelle Studien aus – und zeichnet ein deutlich differenzierteres Bild, als es die politische Diskussion vermuten lässt.

Steigende Verordnungen bedeuten nicht steigenden Missbrauch

Dass die Zahl der ärztlichen Verordnungen für medizinische Cannabisblüten stark gestiegen ist, ist unbestritten. Im Dezember 2025 lag die verordnete Menge sogar über 3.300 % höher als im März 2024, also vor der Herausnahme von Medizinalcannabis aus dem Betäubungsmittelgesetz.

Doch nach medizinisch anerkannten Definitionen von Missbrauch – etwa gemäß ICD-10/11 oder DSM‑5 – müssten sich problematische Entwicklungen beispielsweise durch steigende Hospitalisierungen, psychische Störungen oder riskante Konsummuster zeigen. Genau das ist nicht der Fall.

Weder der Epidemiologische Suchtsurvey (ESA) noch die Evaluation des Konsumcannabisgesetzes zeigen einen signifikanten Anstieg problematischer Konsummuster. Auch der Anteil der Menschen mit (nahezu) täglichem Cannabiskonsum unter den Cannabis-Konsument:innen/Patient:innen in Deutschland ist nicht gestiegen – sogar leicht rückläufig.

Kurz gesagt: Mehr legale Rezepte bedeuten vor allem mehr legale Versorgung, nicht mehr gesundheitliche Problemem sonder eher weniger. Schließlich sind Patient:innen nicht mehr auf illegale Bezugswege mit häufig verunreinigten und ungeprüften Prdukten angewiesen.

Viele Patient:innen nutzten Cannabis schon vorher – nur ohne ärztliche Begleitung

Ein zentraler Befund des Reports: Ein großer Teil der heutigen Patient:innen hat Cannabis bereits vor der Gesetzesänderung genutzt – häufig zur Selbstmedikation.

Umfragen zeigen:

  • Über 50 % der regelmäßigen Konsumierenden geben explizit medizinische Gründe an. 
  • Stress, Schlafprobleme, Schmerzen, Angststörungen und Depressionen gehören zu den häufigsten Gründen. Über 90 Prozent nennen in einer repräsentativen Umfrage mindestens ein solches gesundheitliches Motiv.

Der Unterschied heute: Diese Menschen erhalten Cannabis nun ärztlich begleitet, in geprüfter Qualität und legal aus der Apotheke. Die Telemedizin hat für viele erstmals einen realistischen Zugang zur Therapie geschaffen – insbesondere, weil viele niedergelassene Ärzt:innen Cannabis weiterhin nur sehr zurückhaltend verordnen.

Ein Blick auf andere Medikamente

Während Cannabis regelmäßig unter Missbrauchsverdacht gestellt wird, zeigt der Vergleich mit anderen Medikamenten dort ein bemerkenswertes Missverhältnis.

Laut ESA sind in Deutschland:

  • Millionen Menschen regelmäßig auf Schmerzmittel, Schlafmittel oder Sedativa angewiesen
  • Der Missbrauch dieser Substanzen ist deutlich häufiger dokumentiert als bei medizinischem Cannabis

Medizinisches Cannabis bietet bei vielen Indikationen eine Therapieoption mit vergleichsweise geringem Abhängigkeitspotenzial und weniger schweren Nebenwirkungen als bei Opiaten oder verschreibungspflichtigen Medikamenten. Daher kann sich die Zahl der krankheitsbedingten Fehltage durch medizinisches Cannabis sogar signifikant reduzieren.

Autor

Christian Paffhausen

Head of Marketing

Inhaltsverzeichnis

Der Markt wird vielfältiger – und die Therapie günstiger

Auch bei den Produkten zeigt sich eine klare Entwicklung:

  • Ende 2025 waren über 720 verschiedene Produkte in deutschen Apotheken verfügbar
  • Anfang des Jahres waren es noch unter 470

Gleichzeitig sind die Preise deutlich gefallen:

  • Der durchschnittliche Grammpreis sank 2025 auf 5,23 €
  • Rund 80 % der Blüten kosten inzwischen unter 6 € pro Gramm
  • Für viele Patient:innen liegen die monatlichen Therapiekosten heute bei 30–50 €

Diese Preisentwicklung zeigt: Die Digitalisierung der Versorgung kommt direkt bei den Patient:innen an – ohne die gesetzlichen Krankenkassen zusätzlich zu belasten.

Warum Einschränkungen der Telemedizin das Gegenteil bewirken würden

Ein besonders kritischer Punkt im Report: Was passiert, wenn der digitale Zugang eingeschränkt wird?

Eine Befragung von Cannabis-Patient:innen zeigt:

  • Über 40 % würden wieder auf den illegalen Markt ausweichen
  • Nur ein sehr kleiner Teil würde ganz auf Cannabis verzichten

Das bedeutet: Einschränkungen würden nicht zu weniger Konsum führen, sondern zu unsicherer Versorgung, höherem Missbrauchsrisiko und weniger ärztlicher Kontrolle.

Aus gesundheitspolitischer Sicht wäre das ein klarer Rückschritt.

Digitalisierung als Chance für das Gesundheitssystem

Der Jahresrückblick 2025 macht deutlich: Digitale Versorgung kann funktionieren – sicher, effizient und bezahlbar.

Studien deuten darauf hin, dass Cannabis-Telemedizin und Versandapotheken dem Gesundheitssystem sogar Milliardenkosten ersparen könnten, unter anderem durch:

  • weniger Arztbesuche vor Ort
  • weniger krankheitsbedingte Fehltage
  • geringere Kosten durch alternative Therapien

Gerade in einem Gesundheitssystem mit wachsendem Versorgungsdruck sollte diese Entwicklung nicht ausgebremst, sondern strategisch genutzt werden.

Fazit: Mehr Daten, weniger Stigma

Der „Cannabis-Barometer: Jahresrückblick 2025“ zeigt klar:

  • Es gibt keine belastbaren Hinweise auf systematischen Missbrauch von medizinischem Cannabis.
  • Der starke Anstieg der Verordnungen spiegelt vor allem einen Nachholeffekt legaler Versorgung wider.
  • Patient:innen profitieren von besserem Zugang, sinkenden Preisen und ärztlicher Begleitung.

Statt pauschaler Verdächtigungen braucht es jetzt eine evidenzbasierte Diskussion, die sich an medizinischen Kriterien orientiert – und nicht an überholten Vorurteilen.

Denn wenn wir ernsthaft über die Zukunft unseres Gesundheitssystems sprechen, sollten wir uns fragen:

Was können wir von der digitalen Cannabis-Therapie lernen, um Versorgung insgesamt besser zu machen?

Nicht, wie wir funktionierende Strukturen wieder abbauen.

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