Medizinisches Cannabis bei Übelkeit durch Chemotherapie: Wann kann es helfen?
Medizinisches Cannabis bei Übelkeit durch Chemotherapie: Wann kann es helfen?

Warum können Chemotherapien Übelkeit und Erbrechen auslösen?
Übelkeit und Erbrechen gehören zu den möglichen Nebenwirkungen bestimmter Chemotherapien. Medizinisch wird dabei von chemotherapieinduzierter Übelkeit und Erbrechen, kurz CINV, gesprochen.
Wie hoch das Risiko ist, hängt unter anderem vom verwendeten Medikament, der Dosierung und individuellen Faktoren der Patient:innen ab. Auch der Zeitpunkt spielt eine Rolle. Beschwerden können unmittelbar nach einer Chemotherapie auftreten oder sich erst Stunden beziehungsweise Tage später entwickeln.
Heute stehen verschiedene wirksame Medikamente zur Vorbeugung zur Verfügung. Dazu gehören je nach Art der Chemotherapie beispielsweise Wirkstoffe, die an Serotonin- oder Neurokinin-Rezeptoren ansetzen, Kortikosteroide und weitere Antiemetika.
Trotz dieser Fortschritte erleben manche Patient:innen weiterhin Übelkeit oder Erbrechen. Genau für solche therapieresistenten Beschwerden trotz leitliniengerechter Behandlung werden auch Cannabinoide untersucht. Die aktuellen MASCC/ESMO-Leitlinien stellen dabei moderne kombinierte Antiemetika-Regime in den Mittelpunkt der Prävention.
Wie gut sind Cannabinoide bei chemotherapiebedingter Übelkeit untersucht?
Cannabinoide gehören zu den ältesten pharmakologisch untersuchten Alternativen bei CINV. Viele der frühen Studien stammen allerdings aus einer Zeit, in der die heute verfügbaren Antiemetika noch nicht eingesetzt wurden.
Eine aktuelle Metaanalyse von Chow et al. (2025) fasste 26 randomisierte Studien zusammen. Gegenüber Placebo zeigten Cannabinoide insgesamt eine bessere Kontrolle von Übelkeit und Erbrechen. Die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen CINV-Kontrolle war in den entsprechenden Studien deutlich höher.
Gegenüber aktiven Vergleichsmedikamenten zeigte sich dagegen kein eindeutiger Vorteil. Hinzu kommt ein entscheidendes Problem: 23 der 26 eingeschlossenen Studien wurden bereits vor dem Jahr 2000 veröffentlicht. Die meisten verglichen Cannabinoide daher mit Behandlungen, die nicht mehr dem heutigen Standard entsprechen.
Die Evidenz ist deshalb ungewöhnlich: Es gibt relativ viele randomisierte Studien und eine lange Forschungsgeschichte, gleichzeitig lässt sich ein großer Teil dieser älteren Forschung nur eingeschränkt auf die moderne Krebstherapie übertragen.
Wann kommen Cannabinoide heute überhaupt infrage?
Die wichtigste Frage ist heute nicht, ob Cannabinoide die üblichen Medikamente gegen Übelkeit ersetzen können.
Interessanter ist vielmehr, ob sie zusätzlich helfen können, wenn moderne Antiemetika allein nicht ausreichen.
Genau diese Situation greift auch die Leitlinie der American Society of Clinical Oncology (ASCO) von Braun et al. (2024) auf. Bei Erwachsenen, die trotz leitliniengerechter Vorbeugung unter anhaltender Übelkeit oder Erbrechen während einer mäßig oder stark emetogenen Krebstherapie leiden, können bestimmte Cannabinoide als zusätzliche Behandlung erwogen werden.
Genannt werden dabei Dronabinol, Nabilon sowie ein qualitätskontrollierter oraler THC:CBD-Extrakt im Verhältnis 1:1. Für Dronabinol und Nabilon bewertet die Leitlinie die Evidenz als moderat, für den THC:CBD-Extrakt als niedriger. Die Empfehlung selbst bleibt jedoch zurückhaltend, weil auch andere medikamentöse Optionen zur Verfügung stehen.
Medizinisches Cannabis ist bei CINV deshalb keine Standardtherapie der ersten Wahl, sondern eine mögliche zusätzliche Option für ausgewählte Patient:innen mit Beschwerden trotz etablierter Behandlung.
Was zeigte eine moderne Studie mit THC und CBD?
Besonders interessant ist eine randomisierte, placebokontrollierte Phase-II/III-Studie von Grimison et al. (2024).
Untersucht wurden Erwachsene, die trotz einer leitliniengerechten Vorbeugung bei mäßig bis stark emetogener Chemotherapie weiterhin unter Übelkeit oder Erbrechen litten.
Zusätzlich zu ihrer bestehenden Behandlung erhielten die Patient:innen entweder Placebo oder orale Kapseln mit jeweils 2,5 mg THC und 2,5 mg CBD. Damit wurde gezielt untersucht, ob eine THC:CBD-Kombination als Ergänzung zu modernen Antiemetika einen zusätzlichen Nutzen bringen kann.
Das Ergebnis war deutlich: Eine sogenannte komplette Response, also kein Erbrechen oder Würgen und keine notwendige zusätzliche Bedarfsmedikation, erreichten 24 Prozent unter THC:CBD gegenüber 8 Prozent unter Placebo.
Auch bei Übelkeit und dem Bedarf an zusätzlichen Medikamenten zeigten sich Verbesserungen.
Damit gehört diese Studie zu den wichtigeren neueren Untersuchungen, weil sie Cannabinoide nicht mit veralteten Medikamenten vergleicht, sondern zusätzlich zu einer modernen antiemetischen Behandlung einsetzt.
Warum ist trotzdem weitere Forschung notwendig?
Auch diese Studie beantwortet noch nicht alle Fragen.
Von ursprünglich geplanten 250 Patient:innen konnten 147 ausgewertet werden. Zudem erhielten zwar fast alle Teilnehmenden moderne Antiemetika, Olanzapin war jedoch nur bei etwa zehn Prozent Teil der Ausgangstherapie.
Das ist relevant, weil moderne leitliniengerechte Antiemese je nach Chemotherapie heute verschiedene Wirkstoffkombinationen umfassen kann.
Auch Chow et al. (2025) kommen deshalb zu dem Schluss, dass weitere Studien notwendig sind, die Cannabinoide konsequent im Kontext heutiger Drei- oder Vierfachkombinationen untersuchen.
Eine weitere systematische Übersichtsarbeit von Kemmner et al. (2025) verdeutlicht dasselbe Problem. Von 32 eingeschlossenen Studien verglichen 22 Cannabinoide mit heute teilweise veralteten Antiemetika. Nur eine der eingeschlossenen Untersuchungen verglich eine cannabinoidbasierte Therapie mit einer modernen Kombination aus mehreren etablierten Antiemetika.
Auch diese Review kommt deshalb zu einer vorsichtigen Bewertung: Es gibt Hinweise auf eine Wirkung, die Evidenz reicht aber nicht dafür aus, Cannabinoide pauschal zur Behandlung oder Vorbeugung von CINV zu empfehlen.
Dronabinol, Nabilon und THC:CBD: Was wurde tatsächlich untersucht?
Bei diesem Thema ist besonders wichtig, nicht einfach von „Cannabis“ allgemein zu sprechen.
Ein großer Teil der klinischen Evidenz betrifft standardisierte cannabinoidhaltige Arzneimittel.
Dronabinol ist eine pharmazeutische Form von Delta-9-THC. Nabilon ist ein synthetisch hergestelltes Cannabinoid mit THC-ähnlichen Eigenschaften. Neuere Studien untersuchten außerdem genau definierte orale Kombinationen von THC und CBD.
Die Ergebnisse dieser Studien lassen sich deshalb nicht automatisch auf jede Cannabisblüte, jeden Extrakt oder jedes beliebige THC:CBD-Verhältnis übertragen.
Auch die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA unterscheidet hier ausdrücklich zwischen zugelassenen cannabinoidhaltigen Arzneimitteln und nicht geprüften Cannabisprodukten. Dronabinol und Nabilon verfügen in den USA bereits seit Jahrzehnten über Zulassungen für chemotherapiebedingte Übelkeit und Erbrechen unter bestimmten Voraussetzungen.
Sind Cannabinoide besser als klassische Medikamente gegen Übelkeit?
So pauschal lässt sich das nicht sagen.
In der Metaanalyse von Chow et al. (2025) schnitten Cannabinoide gegenüber Placebo besser ab. Gegenüber anderen aktiven Medikamenten zeigte sich jedoch kein konsistenter Vorteil.
Noch wichtiger ist, dass viele dieser Vergleichspräparate aus älteren Studien stammen. Die moderne Antiemese ist inzwischen deutlich weiterentwickelt.
Die sinnvollere Rolle von Cannabinoiden liegt deshalb derzeit nicht darin, etablierte Medikamente zu ersetzen, sondern möglicherweise darin, eine bereits leitliniengerechte Therapie zu ergänzen, wenn Beschwerden trotzdem fortbestehen.
Welche Nebenwirkungen können auftreten?
Ein möglicher zusätzlicher Nutzen muss gegen die Nebenwirkungen abgewogen werden.
In der Studie von Grimison et al. (2024) traten unter THC:CBD häufiger Sedierung, Schwindel und vorübergehende Angst auf als unter Placebo. Sedierung wurde beispielsweise bei 18 Prozent unter THC:CBD gegenüber 7 Prozent unter Placebo beobachtet. Schwindel trat bei 10 Prozent der Cannabinoid-Gruppe auf und bei keinem der Teilnehmenden unter Placebo.
Schwerwiegende Nebenwirkungen, die der THC:CBD-Behandlung zugeschrieben wurden, wurden in dieser Studie nicht beobachtet.
Auch ältere Studien und aktuelle systematische Übersichtsarbeiten beschreiben unter Cannabinoiden unter anderem Müdigkeit, Schwindel, Mundtrockenheit und psychische Nebenwirkungen.
Gerade bei Patient:innen, die während einer Krebstherapie bereits mehrere Medikamente einnehmen, müssen zudem mögliche Wechselwirkungen und individuelle Risikofaktoren berücksichtigt werden.
THC oder CBD: Welcher Wirkstoff ist entscheidend?
Die antiemetische Forschung konzentriert sich vor allem auf THC beziehungsweise THC-ähnliche Wirkstoffe.
Dronabinol besteht aus THC, während Nabilon pharmakologisch ähnliche Eigenschaften besitzt. In der neueren Studie von Grimison et al. (2024) wurde dagegen eine Kombination aus THC und CBD im Verhältnis 1:1 untersucht.
Daraus lässt sich nicht ableiten, dass CBD allein denselben Effekt auf chemotherapiebedingte Übelkeit und Erbrechen hat.
Auch die ASCO-Leitlinie warnt davor, hoch dosiertes CBD außerhalb klinischer Studien pauschal zur Behandlung krebsassoziierter Beschwerden einzusetzen. Für bestimmte orale THC:CBD-Kombinationen gibt es dagegen erste kontrollierte Daten bei therapieresistenter CINV.
Was sagt die aktuelle Forschung ausdrücklich nicht?
Die vorhandenen Studien zeigen nicht, dass medizinisches Cannabis bei jeder Form von Übelkeit während einer Krebserkrankung hilft.
Die vergleichsweise stärkste Evidenz betrifft Übelkeit und Erbrechen, die durch eine Chemotherapie verursacht werden, insbesondere wenn Beschwerden trotz einer leitliniengerechten antiemetischen Behandlung fortbestehen.
Die Forschung sagt ebenfalls nicht, dass Cannabis etablierte Medikamente gegen CINV ersetzen sollte.
Und aus der symptomatischen Wirkung lässt sich selbstverständlich keine Wirkung auf die Krebserkrankung selbst ableiten. Die ASCO-Leitlinie rät ausdrücklich davon ab, Cannabis oder Cannabinoide außerhalb klinischer Studien als Krebstherapie einzusetzen.
Häufige Fragen
Kann medizinisches Cannabis gegen Übelkeit durch Chemotherapie helfen?
Ja, bei ausgewählten Patient:innen gibt es klinische Evidenz für einen möglichen zusätzlichen Nutzen. Besonders relevant ist die Situation, in der Übelkeit oder Erbrechen trotz einer leitliniengerechten Standardbehandlung weiterhin auftreten.
Werden Cannabinoide direkt anstelle anderer Medikamente eingesetzt?
In der Regel nicht. Moderne Antiemetika bleiben die Grundlage der Vorbeugung und Behandlung von CINV. Cannabinoide werden vor allem als mögliche ergänzende Option bei therapieresistenten Beschwerden diskutiert.
Welche Cannabinoide sind am besten untersucht?
Zu den am längsten untersuchten Wirkstoffen gehören Dronabinol und Nabilon. Neuere klinische Daten gibt es außerdem für standardisierte orale THC:CBD-Kombinationen im Verhältnis 1:1.
Hilft CBD allein gegen chemotherapiebedingte Übelkeit?
Für CBD allein besteht nicht dieselbe klinische Evidenz wie für THC-haltige beziehungsweise THC-ähnliche Präparate. Ergebnisse mit Dronabinol, Nabilon oder standardisierten THC:CBD-Produkten können deshalb nicht auf reines CBD übertragen werden.
Wie gut ist die Evidenz insgesamt?
Die Studienlage ist besser als bei vielen anderen möglichen Einsatzgebieten von Cannabinoiden, muss aber differenziert betrachtet werden. Viele ältere Studien stammen aus einer Zeit vor der heutigen modernen Antiemese. Besonders relevant sind daher neuere Studien, in denen Cannabinoide zusätzlich zu einer leitliniengerechten Standardtherapie eingesetzt werden.
Können Cannabisblüten denselben Effekt haben?
Das lässt sich aus den vorhandenen Studien nicht ableiten. Ein großer Teil der Evidenz stammt aus Untersuchungen mit genau definierten pharmazeutischen Cannabinoiden oder standardisierten oralen Extrakten. Die Ergebnisse können nicht automatisch auf beliebige Blüten oder andere Cannabisprodukte übertragen werden.
Fazit
Chemotherapiebedingte Übelkeit und Erbrechen gehören zu den vergleichsweise gut untersuchten symptomatischen Einsatzgebieten von Cannabinoiden.
Besonders für Patient:innen, die trotz moderner antiemetischer Behandlung weiterhin unter Beschwerden leiden, gibt es Hinweise auf einen zusätzlichen Nutzen. Die ASCO-Leitlinie nennt Dronabinol und Nabilon sowie unter bestimmten Voraussetzungen einen qualitätskontrollierten oralen THC:CBD-Extrakt als mögliche ergänzende Behandlungsoption.
Auch eine moderne randomisierte Studie von Grimison et al. (2024) liefert hierfür ein wichtiges Signal: Zusätzlich zur Standardtherapie stieg die Rate einer vollständigen Kontrolle von Erbrechen und notwendiger Bedarfsmedikation unter THC:CBD von 8 auf 24 Prozent. Gleichzeitig traten Nebenwirkungen wie Sedierung und Schwindel häufiger auf.
Die Einordnung bleibt deshalb differenziert. Cannabinoide sind kein Ersatz für eine moderne antiemetische Standardtherapie, können aber bei ausgewählten Patient:innen mit weiterhin bestehenden Beschwerden eine zusätzliche Option darstellen.
Quellen & weiterführende Literatur
Braun et al. (2024): Cannabis and Cannabinoids in Adults With Cancer: ASCO Guideline. Journal of Clinical Oncology, 42(13), 1575–1593.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38478773/
Grimison et al. (2024): Oral Cannabis Extract for Secondary Prevention of Chemotherapy-Induced Nausea and Vomiting: Final Results of a Randomized, Placebo-Controlled, Phase II/III Trial. Journal of Clinical Oncology, 42(34), 4040–4050.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/39151115/
Chow et al. (2025): Efficacy of cannabinoids for the prophylaxis of chemotherapy-induced nausea and vomiting: a systematic review and meta-analysis. Supportive Care in Cancer, 33, 193.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/39953210/
Kemmner et al. (2025): Cannabinoids for the prevention of chemotherapy-induced nausea and vomiting in oncological therapy: a systematic review. Journal of Cancer Survivorship.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/40797063/
Redaktioneller Hinweis: Die Evidenz zu diesem Thema wurde im Oktober 2026 aktualisiert. Dieser Beitrag ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung.







